Workshops & Zusatzprogramm
Freitag, 18. September 2026, 16:30 - 17:30 Uhr
WA1: Yogabasierte Therapie bei FNS? – Prinzipien und Ausblick
D. Mitzinger [Neuss]
Seit 1885 wird von Pierre Janet Dissoziation bei Patienten mit DSNS/FNS mit unterschiedlicher Terminologie störungsrelevant diagnostiziert. Im Paradigmenwechsel von Konversion zu Dissoziation charakterisiert das ICD-11 das Hauptmerkmal als unwillkürliche, fluktuierende, vollständige oder teilweise Unterbrechung des somatischen und/oder psychischen Erlebens. Auf der somatischen Seite werden neurologische Funktionen der Empfindung und Wahrnehmung, Motorik und des Verhaltens erfasst. Auf psychischer Seite sind Affekte und Gedanken sowie das Identitätserleben betroffen. Dabei fällt bei der Diagnostik von Patienten mit PTBS mit Dissoziation anhand des Trauma-Dissoziationsmodells ein hohes Maß an somatoformen dissoziativen Plus- und Minus-Symptomen auf. Als Ursachen werden Schutzreaktion des Bewusstseins auf überwältigende oder traumatische Erfahrungen betrachtet. Während sich die Forschung zur Behandlung von Traumafolgestörungen vorwiegend auf psychisch relevante Veränderungsprozesse konzentriert, werden somatoforme dissoziative Prozesse eher als Begleitsymptome angesehen, bei denen aktuell davon ausgegangen wird, dass sie mit effektiven traumafokussierten Interventionen verschwinden. Klinisch Schwierigkeiten machen aber v.a. die Patienten mit den reflexhaften Reaktionen, die auf den niederen Handlungstendenzen beruhen. Pierre Janet spricht hier von dem Verhältnis zwischen „La force“ und „La tension“ Mit „La force“ sind die phylogenetisch älteren Systeme des Gehirns verbunden. Hier kommen besonders die Reflexe in Betracht. Van der Hart und Nijenhuis übersetzen „La tension“ mit „mentaler Effizienz“, hier kommen besonders Inhibitorische Neuronen zur Hemmung der Reflexe in Betracht. Mit Hilfe von yogabasierten Verfahren kann das Gleichgewicht zwischen „La force“ und „La tension“ grundsätzlich wieder hergestellt werden, was eine enorm hilfreiche Unterstützung der Traumatherapie bedeuten kann.
WA2: Sprachtherapie und Physiotherapie im Dialog: Synergien schaffen
M. Dietrich [Bonn], S. Lamprecht [Kirchheim]
Funktionelle neurologische Störungen (FNS) stellen in der klinischen Praxis eine besondere Herausforderung dar, da motorische und sensorische Symptome auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig auftreten können und sich gegenseitig beeinflussen. Eine zusätzliche Ebene sind funktionelle Kommunikationsstörungen bei Menschen mit FNS. Das Wissen um eine mögliche Verzahnung von motorischen Symptomen und eine interdisziplinäre Therapie ist daher zentral für eine erfolgreiche Behandlung. Der Workshop „Funktionelle neurologische Störungen im Dialog – Sprachtherapie und Physiotherapie: Synergien schaffen“ beleuchtet die Schnittstellen zwischen Sprachtherapie/Logopädie und Physiotherapie und zeigt auf, wie beide Professionen durch abgestimmte therapeutische Strategien die Therapie von Patientinnen und Patienten mit FNS unterstützen können. Anhand ausgewählter Fallbeschreibungen werden typische klinische Präsentationen funktioneller Symptome dargestellt, darunter funktionelle Gangstörungen, funktionelle Sprechstörungen sowie funktionelle Atemmusterveränderungen. Im Fokus stehen motorische Therapieansätze bei FNS, die Nutzung von Aufmerksamkeitslenkung, externe Fokussierung sowie bewegungs- und handlungsorientierte Strategien. Ein Schwerpunkt liegt auf Dual-Task-Ansätzen, die sowohl in der Physiotherapie als auch in der Sprachtherapie/Logopädie eingesetzt werden können, um automatische Bewegungs- und Sprechmuster zu fördern und maladaptive Kontrollstrategien zu reduzieren. Dabei werden gemeinsame therapeutische Prinzipien herausgearbeitet, die auf evidenzbasierten Konzepten der funktionellen Neurologie und der motorischen Lernforschung beruhen. Ziel des Beitrags ist es, praxisnahe interdisziplinäre Strategien vorzustellen und auszuprobieren, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Sprachtherapie/Logopädie und Physiotherapie ermöglichen und damit zu einer konsistenten, patientenzentrierten Behandlung funktioneller neurologischer Störungen beitragen.
WA3: Differentialdiagnostik in der Epileptologie
T. Baumgartner [Bonn]
Die Differentialdiagnose anfallsartiger Störungen stellt im klinischen Alltag eine häufige und zugleich anspruchsvolle Aufgabe dar. Neben epileptischen Anfällen gehören Synkopen sowie dissoziative bzw. funktionelle nicht-epileptische Anfälle zu den wichtigsten Differentialdiagnosen. Eine präzise semiologische Analyse ist entscheidend, um Fehldiagnosen und daraus resultierende Fehlbehandlungen zu vermeiden.
Die Videodokumentation – sowohl im Rahmen des Video-EEG-Monitorings als auch durch Patientenvideos – bietet eine wertvolle Grundlage für die diagnostische Einordnung paroxysmaler Ereignisse. Im Workshop werden anhand ausgewählter Videobeispiele typische klinische Charakteristika systematisch herausgearbeitet und differenzialdiagnostisch diskutiert.
Neben der aktiven Anwendung des erlernten Wissens wird auch auf die diagnostischen Grenzen der Videodokumentation eingegangen. Der Workshop soll die Sicherheit in der videobasierten Zuordnung anfallsartiger Ereignisse erhöhen und die klinische Entscheidungsfindung nachhaltig verbessern.
WA4: Dissoziative Symptome und Essstörungen
N. Kämpfer [Bonn], M. Trauscheid [Bonn]
Dissoziative Symptome kommen bei Essstörungen häufig vor, wobei gemeinsame Risiko- und aufrechterhaltende Faktoren sowie Wechselwirkungen eine Rolle spielen. Dabei können manche dissoziativen Phänomene als komorbid, manche Phänomene aber auch als essstörungsimmanent begriffen werden. Im Workshop sollen mögliche Zusammenhänge zwischen dissoziativen und Essstörungssymptomen sowie Implikationen für die klinische Praxis beleuchtet werden.
Wir werfen außerdem einen differentialdiagnostischen Blick auf kurze Fallvignetten, wobei auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede im klinischen Erscheinungsbild eingegangen werden soll.
WA5: Psychotherapie bei FNS
P. Kriependorf [Duisburg], P. Senf-Beckenbach [Berlin]
Die biografische Arbeit, inklusive transgenerationaler Belastungen, bildet bei der Behandlung funktioneller Störungen ein zentrales therapeutisches Element. Häufig offenbaren sich im therapeutischen Prozess ein signifikanter Mangel an Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie eingeschränkte Kommunikationsstrukturen. Dies kann sich in defensiven, undifferenzierten Patientenberichten äußern (z. B. „alles war normal“, „behütete Kindheit“). Im Bedarfsfall gilt es, dissimulative Tendenzen konfrontativ, jedoch einfühlsam zu hinterfragen, um Zugang zu unterdrückten emotionalen Inhalten zu finden. In diesem Zusammenhang steht auch das Annehmen und Trösten von in der Entwicklung nicht gesehenen jüngeren Anteilen: Durch innere Kind-Arbeit, Imaginationstechniken und die Etablierung eines „sicheren Ortes“ wird die Basis geschaffen, um erlernte emotionale Abstumpfung schrittweise aufzulösen und unterdrückten Schmerz wieder zuzulassen. Parallel dazu wird die aktuelle Konfliktsituation bearbeitet, in der regelmäßig alte Verletzungsmuster reaktualisiert werden. Dies kann integrativ unter Einbezug traumakonfrontativer und schematherapeutischer Elemente erfolgen. Durch gezielte Psychoedukation werden die Zusammenhänge zwischen psychischer Belastung, neuroimmunologischen Prozessen, Dissoziation sowie motorischer Hemmung oder Übersteuerung verständlich gemacht und das sogenannte „somatische Narrativ“ kann gemeinsam entschlüsselt werden. Im abschließenden Behandlungsabschnitt steht die schrittweise Integration alter und aktueller Verletzungserfahrungen im Vordergrund. Durch das Aufzeigen und biografische Zuordnen von Affektketten lernen Betroffene, klar zu differenzieren, welche Reaktionen auf vergangene und welche auf gegenwärtige Stressoren zurückzuführen sind. Das übergeordnete therapeutische Ziel ist die Förderung einer verbesserten, aktiven Kommunikation nach innen wie nach außen und das allmähliche Ablegen eines rein passiven „Krankseins“. Diese Kompetenzentwicklung bildet die Grundlage für eine nachhaltige Symptomreduktion, eine gesteigerte Selbstwirksamkeit und eine verbesserte Lebensqualität.
Samstag, 19. September 2026, 10:15 - 11:15 Uhr
WB1: Übersehen wir artifizielle Störungen?
C. Hausteiner-Wiehle [Murnau]
WB2: Künstlerische Therapien bei FNS: Worüber ich nicht sprechen kann, das findet seinen Ausdruck
K. Seifert [Bonn/Ottersberg], L. Cruz [Ottersberg]
Funktionelle neurologische Störungen (FNS) repräsentieren ein komplexes Krankheitsbild an der Schnittstelle von Neurologie und Psychosomatik. Da die Symptomatik häufig eine Diskrepanz zwischen subjektivem Erleben und objektivem organischem Befund aufweist, stoßen rein verbale Therapieansätze oft an ihre Grenzen. Künstlerische Therapien – insbesondere Kunsttherapie sowie Tanz- und Bewegungstherapie – bieten hier einen wichtigen Zugang über präverbale und implizite Ebenen der Erfahrung.
Der vorliegende Ansatz nutzt die Synergie von Kunsttherapie und Tanz-/Bewegungstherapie. In der Tanztherapie wird durch gezielte Interventionen zur Förderung von Interozeption und Propriozeption die verkörperte Selbstwahrnehmung (Embodiment) gestärkt. Dies ermöglicht es den Patient*innen, dysfunktionale Bewegungsmuster spielerisch zu erkunden und ein Gefühl von Autonomie über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Aufbauend auf der Laban Movement Analysis (LMA) werden die Teilnehmenden eingeladen, Bewegung als eine Sprache zu erforschen, durch die Emotionen, Intentionen und verkörperte Erfahrungen wahrgenommen, ausgedrückt und transformiert werden können. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den von Laban beschriebenen Antriebsqualitäten bzw. Gegensatzpaaren – Offen/Geschlossen, Plötzlich/Getragen, Fest/Leicht sowie Direkt/Indirekt –, die als kreative Impulse sowohl für die Bewegungsforschung als auch für die künstlerische Gestaltung dienen und neue Wege des Selbstausdrucks und der Sinnstiftung eröffnen.
Die Kunsttherapie kann als Medium der Externalisierung fungieren. Durch den gestalterischen Prozess werden nonverbale und häufig traumabezogene Inhalte in eine sichtbare und greifbare Form überführt. Dieser Transfer vom körperlichen Impuls zum bildnerischen Symbol fördert die narrative Integration: Das „Unaussprechliche“ erhält eine Gestalt, wodurch sowohl eine notwendige therapeutische Distanzierung als auch eine emotionale Entlastung ermöglicht werden.
Ziel des kombinierten Ansatzes ist die Transformation von Symptomen in gestaltbare und erforschbare Narrative. Durch multisensorische Methoden werden Resilienz gestärkt und Beziehungsfähigkeiten gefördert. Die therapeutische Arbeit zielt darauf ab, das Erleben von Selbstwirksamkeit (Empowerment) zu reaktivieren und die Integration fragmentierter Körpererfahrungen in das Selbstkonzept zu unterstützen.
Im Rahmen des Workshops werden diese theoretischen Grundlagen in praxisnahe Übungen übersetzt. Durch Selbsterfahrungsmomente erleben die Teilnehmenden, wie der fließende Wechsel zwischen visueller Gestaltung und körperlichem Ausdruck die therapeutische Beziehung vertiefen und neue Wege der narrativen Arbeit mit Menschen mit FNS eröffnen kann.
WB3: Funktionelle / dissoziative Anfälle: Was wird erlebt und was hilft?
C. Hoppe [Bonn], M. Pensel [Bonn]
Funktionelle/dissoziative Anfälle zeigen eine äußerst vielfältige und komplexe Symptomatik. Daraus ergibt sich die leitende Frage, ob das unmittelbare Anfallserleben der Betroffenen Hinweise auf Entstehungsmechanismen und auf Ansatzpunkte zur Anfallsunterbrechung liefert. Im Workshop sollen dazu zunächst Methodik und Ergebnisse einer Interviewstudie aus Bonn diskutiert werden, in der N=30 Patientinnen und Patienten umfassend zum unmittelbaren Erleben prä-, intra- und postiktal befragt wurden. Hinsichtlich der logisch anschließenden Frage „Was hilft (nicht)?“ gilt Psychotherapie bei dissoziativen Anfallsleiden als klar wirksam bezüglich Lebensqualität, Krankheitsbewältigung und Umgang mit der Symptomatik, während die Befundlage zur spezifischen Reduktion der Anfallshäufigkeit weniger eindeutig ist. Der Workshop greift dies auf, indem zusätzlich Methodik und Ergebnisse zweier Fragebogenerhebungen aus Bonn besprochen werden: eine postalische Befragung betroffener Patientinnen/Patienten (N=79) sowie eine Online-Befragung von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten und Psychiaterinnen/Psychiatern (N=284). In beiden Studien standen in Fragebogen und Auswertung die grundlegenden Fragen im Zentrum, was im Hinblick auf die Anfälle selbst (nicht) hilft. bzw. nicht hilft, mit dem Ziel, den Teilnehmenden hierzu anregende, praxisrelevante Antworten zu vermitteln.
WB4: Soziale Medien, Selbsthilfe und Selbstfindung
S. Nunius [Wunsiedel], Lisa Hergert, Anneke Krug, Martina Wabner [FNS-Patienteninitiative]
WB5: Das somatische Narrativ
W. Schurig [Köln]
Das Somatische Narrativ stellt eine dimensionale Erweiterung bestehender Therapiemethoden dar, insbesondere bei sogen. Somatischer Dissoziation. „Eingeblendet“ oder „standalone“ wird rein verbal explorativ im Prozess tiefgreifende nachhaltige Entlastung erreicht. Dies geschieht durch systematischen Einbezug der Verteilung des Körpererlebens. Der Ansatz fußt dabei auf neuerer empirischer neurowissenschaftlicher Grundlage: subjektives menschliches Erleben hat eine direkte kartierbare Entsprechung in der Verteilung der Körperwahrnehmung, basale Emotionen sogar umkehrbar eindeutig; der „rätselhafte Sprung ins Körperliche“ ist ein Sonderfall.
Im explorativen therapeutischen Prozess „konvergiert“ das emotionale und körperliche Erleben zu „basalem“ Empfinden als Ausdruck relevanter Belastungen mit unmittelbarer quantitativ validierbarer und nachhaltiger Entlastung. Ein stützender „reverser“ Einsatz ist ebenso möglich, z.B. zur Belastungssteuerung im Prozess.
Im Mini-Workshop wird der methodische Ansatz dargestellt und mit praktischen Beispielen und Übungen verdeutlicht.
Samstag, 19. September 2026, 15:00 - 16:30 Uhr
Einführung in die Methodik der Tension & Trauma Releasing Exercises (TRE)
B. Schwegmann [Bonn]
Praktische Einführung in das neurogene Zittern mit TRE-Übungen (Tension & Trauma Releasing Exercises). Lernen Sie selbstregulierende und spannungsabbauende Körperarbeit in Selbsterfahrung kennen. Bequeme Kleidung ist vorteilhaft, aber nicht zwingend notwendig. Wir üben in Socken oder barfuß. Wenn möglich, bitte eine Sportmatte mitbringen.
Geführter Besuch des Botanischen Gartens der Universität Bonn
M. Trauscheid [Bonn]
Der Botanische Garten der Universität Bonn befindet sich in direkter Nähe zum Veranstaltungsort und lädt zur Entspannung und Begegnung mit der Pflanzenkunde ein.
Begehung Uniklinik Bonn, Campus Venusberg
C. Hoppe [Bonn]
Mit dem Bus geht es hinauf durch den Wald zum Uniklinikum Bonn. Nach kurzer Fahrt findet eine Führung insbesondere der Klinik für Epileptologie statt.





















